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KOPF/HALS MALIGNOME

Von
R. Jakse, K. Vinzenz

gemeinsam mit
Th. Auberger, J. Beck-Managetta, A. Beer, K. Böheim, H. Frommhold, E. Würinger

[Inhalt] [A] [B] [C] [D] [E] [F] [G] [H] [I] [J] [K] [L] [Statistik]


B. KARZINOME DER LIPPEN UND MUNDHÖHLE

1. Epidemiologie

Die häufigsten Lokalisationen des Mundhöhlenkarzinoms sind die Zunge, der Mundboden und die Lippe. Vorwiegend sind Männer zwischen 55 und 65 Jahren betroffen.

Neuerkrankungen • absolut 580 Fälle pro Jahr
• relativ 7.0 pro 100.000 Bevölkerung pro Jahr
Ätiologie Tabakkonsum (Zigarette, Pfeife, Kautabak), mangelhafte Mundhygiene, chronische Traumen schlecht sitzender Prothesen oder Zahnkanten, Sonnenlichtexposition beim Lippenkrebs und das Plummer-Vinson-Syndrom bei Zungenkarzinom der Frau.

 

2. Pathologie

2.1. Histologische Klassifikation

Über 95% der Malignome sind Plattenepithelkarzinome vom mäßig- bis gut differenziertem Typ. Die seltenen adenoidzystischen-, Adeno- und Mukoepidermoidkarzinome nehmen ihren Ausgang von den kleinen Speicheldrüsen.

2.2. Klinische Klassifikation

Die Lippen-Mundhöhlenregion reicht von der Haut-Lippenrotgrenze bis zum hinteren Rand des harten Gaumens bzw. bis zu den Papillae circumvallatae am Übergang zum Zungengrund.

 

T – Primärtumor
TX Primärtumor kann nicht beurteilt werden
T0 Kein Anhalt für Primärtumor
Tis Carcinoma in situ
T1 Tumor 2 cm oder weniger in größter Ausdehnung
T2 Tumor mehr als 2 cm, aber nicht mehr als 4 cm in größter Ausdehnung
T3 Tumor mehr als 4 cm in größter Ausdehnung
T4 Lippe: Tumor infiltriert Nachbarstrukturen z.B. durch kortikalen Knochen,den.N.alveolaris inferior, in Mundhöhlenboden oder Halshaut

Mundhöhle: Tumor infiltriert Nachbarstrukturen z.B. durch kortikalen Knochen in Außen (-Skelett-)muskel der Zunge, Kieferhöhle der Haut (eine nur oberflächliche Erosion des Knochens oder eines Zahnsockels berechtigt nicht zur Einordnung eines Tumors als T4

 

3. Lokale Ausbreitung und Metastasierung

Zungenkarzinome entstehen weitaus am häufigsten am lateralen Zungenrand und infiltrieren die Zungenmuskulatur.

Mundbodenkarzinome entstehen typischerweise im vorderen Teil der Mundbodenrinne (Sulcus glosso-alveolaris) und infiltrieren rasch in die Zunge und in die Mundbodenmuskulatur.

Lippenkarzinome entstehen in ca. 90% an der Unterlippe und infiltrieren den M. orbicularis oris.

Karzinome der Wangenschleimhaut, des harten Gaumens, der Retromolarregion und des Alveolarkammes sind relativ selten.

Regionäre Metastasen: bei 50% und mehr der Mundhöhlenkarzinome, 15% der Lippenkarzinome.

Hämatogene Fernmetastasen (Lunge, Leber, Knochen) treten in etwa 15% auf.

 

4. Symptomatik

Als prämaligne Läsion gilt die Leukoplakie und Erythroplasie, welche vor allem an der Unterlippe, dem Mundboden, der Wangenschleimhaut, am lateralen Zungenrand und in der retromolaren Region auftreten (etwa 5% entarten maligne). Nicht heilende Ulzerationen, Schmerzen (Zeichen für Tiefeninfiltration mit Befall von Knochen und Nerven), kloßige Sprache, Schluckbeschwerden und Foetor ex ore.

 

5. Diagnostik

Die Inspektion und die Palpation sind am wichtigsten. Die Probeexzision sichert die Diagnose. Weitere diagnostische Maßnahmen: Panoramaröntgen bei Verdacht auf Knochenarrosion, Sonographie, CT und MRT zur Abschätzung der Ausdehnung.

 

6. Therapie

6.1. Kurative Therapie

6.1.1. Lippenkarzinom

Die chirurgische Resektion und Rekonstruktion mit Lappenplastiken ist bevorzugt. Eine postoperative Strahlenbehandlung ist bei fortgeschrittenen Tumoren angezeigt.

6.1.2. Mundhöhlenkarzinom

Kleine Tumoren von weniger als 1 cm werden durch eine alleinige lokale Excision behandelt, bei großen Geschwülsten gibt die kombinierte operativ- radiologische Therapie die besten Heilungsergebnisse.

T1-Tumoren der Zunge: transorale, partielle Glossektomie.

T1-Tumoren des Mundboden: transorale Resektion des Mundboden mit Sicherheitszone zum Unterkiefer

T2/3 und T4-Tumoren des Zungenkörpers und Mundbodens: Resektion bis Hemiglossektomie mit segmentaler Unterkieferresektion, die meist eine Primär- oder Sekundärrekonstruktion mit Osteosynthese und/oder gefäßgestielten myokutanen, und mikrochirurgisch revaskularisierten kutanen, osteokutanen und osteomyokutane Lappentechniken verlangen. Mikrochirurgischer Dünndarmtransfer zum Ersatz der Mundschleimhaut.

6.1.3. Lymphknotenmetastasen

Bei Lymphknotenbefall wird eine Neck dissektion auf der Tumorseite am besten en bloc durchgeführt, kontralateral eine elektive suprahyoidale oder funktionelle Halslymphknotenausräumung. Grundsätzlich ist bei allen Malignomen der Mundhöhle eine elektive Neck dissektion wegen der hohen Wahrscheinlichkeit eines subklinischen Lymphknotenbefalls angezeigt.

6.2. Radiotherapie

Nur bei T1- Tumoren werden der Chirurgie vergleichbare Kontrollraten erzielt. Die Kombination von perkutaner und interstitieller Bestrahlung hat sich bei größeren Tumoren, die nicht den Knochen erreichen, bewährt. Die postoperative Radiotherapie des Primärtumors und der beidseitigen Lymphabflußwege wird in allen Fällen von fortgeschrittenen Tumoren empfohlen. Eine elektive Bestrahlung des Halsgebietes ist in Fällen angezeigt, bei denen keine elektive Neck Dissektion durchgeführt wurde.

6.3. Chemotherapie

Mundhöhlenkarzinome zeigen unter primärer Chemotherapie eine gute initiale Remission. Eine Lokalbehandlung unter Berücksichtigung der unsprünglichen Tumorausdehnung muß aus Radikalitätsgründen angeschlossen werden.

Bei fortgeschrittenen Malignomen erzielte die Kombination mit der Radiotherapie höhere Ansprechraten als die alleinige Chemotherapie.

 

7. Prognose

5-Jahres-Überlebenszeit (alle Stadien): Mundhöhlenkarzinom 40 - 60%
Lippenkarzinom 90%.

 

8. Prävention

Meiden von übermäßigem Alkohol- und Nikotinkonsum, Zahnpflege und -sanierung, Beseitigung scharfer Zahnkanten und Prothesenteile.

Lippenkarzinom: Meiden starker Sonnenexposition. Behandlung der Vorstufen: Exzision von Leukoplakie und Hyperkeratose.

Mundhöhlenkarzinom: Therapie der Vorstufen: Exzision aller weißen (Leukoplakie) und roten (Erythroplasie) Schleimhautveränderungen, Retinoid-Medikation.


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