Consensus-Bericht Kolorektalkarzinom

1. Epidemiologie des kolorektalen Karzinoms

Koordination:
H. P. Friedl, Wien

Unter Mitarbeit von:
J. Langgaßner, Wien
Ch. Vutuc, Wien

Problemstellung

Dem Kolorektalkarzinom kommt sowohl im Hinblick auf seine Häufigkeit als auch dessen Sterberate eine besondere Bedeutung zu. In diesen Punkten nimmt es unter allen Karzinomen in Österreich die zweite Stelle ein. Bei den Männern jeweils hinter dem Lungenkarzinom, bei den Frauen hinter dem Brustkarzinom. Päventivmedizinischen Maßnahmen sollte von allen Entscheidungsträgern in Zukunft ein größerer Stellenwert eingeräumt werden.

Häufigkeit

Das kolorektale Karzinom ist nach dem Lungenkrebs der häufigst auftretende Krebs in der Gesamtregion der Europäischen Union. Bei der männlichen Bevölkerung hat Österreich mit 42,9 Fällen pro 100.000 die höchste alterstandardisierte Häufigkeitsrate. Die weibliche Bevölkerung Österreichs liegt mit einer Häufigkeitsrate von 27,9 Fällen pro 100.000 an siebenter Stelle. Betrachtet man die Gesamtbevölkerung, so befindet sich Österreich im Ranking nach Dänemark und Deutschland an dritter Stelle. Generell kann gesagt werden, daß das Auftreten des kolorektalen Karzinoms in den nördlichen und westlichen Ländern der EU häufiger ist als in den südlichen Ländern (siehe Abb. 1). In Österreich wurde im Jahr 1993 bei 2417 Männern und 2484 Frauen ein kolorektales Karzinom diagnostiziert; das sind 15,2% bzw. 14,3% aller Krebsneuerkrankungen.

Im österreichischen Regionalvergleich (Durchschnittsrate 1990/92, siehe Abb. 2) zeigt sich ein deutliches Ost/West-Gefälle. Kärnten hat die niedrigsten altersstandardisierten Raten mit 26,9 Fällen/100.000, gefolgt von Vorarlberg (27,9) und Tirol (29,1). Während die altersstandardisierten Raten der Bundesländer Salzburg, Steiermark, Oberösterreich und Wien um den Österreichdurchschnitt liegen, hat Burgenland gefolgt von Niederösterreich die höchsten Raten (41,1 und 37,5 Fälle/100.000). Dieses Verhalten (Ost/West-Gefälle) spiegelt sich auch bei der Betrachtung der Übergewichtigkeit in den Bundesländern wider.

Sterberate

Sowohl bei der männlichen wie auch bei der weiblichen Bevölkerung stellt das kolorektale Karzinom die zweithäufigste Krebstodesursache dar. Von Anfang der 60er bis Mitte der 70er Jahre hatte die altersstandardisierte Rate eine leicht steigende Tendenz. In den darauffolgenden Jahren erfolgte ein Absinken der Rate. Bei der männlichen Bevölkerung wurde in den letzten fünf Jahren wieder ein leichter Anstieg in der altersstandardisierten Rate beobachtet. Im Jahr 1993 verstarben in Österreich 1385 Männer und 1437 Frauen an kolorektalem Karzinom, das sind 14% und 14,9% aller Krebssterbefälle bzw. 3,6% und 3,2% aller Todesfälle (siehe Abb. 3).

Altersverteilung

Betrachtet man die Altersverteilung der Häufigkeit an kolorektalem Karzinom, so erkennt man, daß die meisten Neuerkrankungen/100.000 bei der männlichen Bevölkerung zwischen 65 und 74 Jahren, bei der weiblichen Bevölkerung im Alter von 75 Jahren und mehr auftreten. Die Anzahl der Sterbefälle pro 100.000 steigt für beide Geschlechter leicht exponentiell mit dem Alter an (siehe Abb. 4).

Ätiologie kolorektaler Karzinome

In der Ätiologie der kolorektalen Karzinome kommt den exogenen Faktoren ein besonderer Stellenwert zu, da aus dem Umkehrschluß präventive Ansätze abgeleitet werden können. Die großen Unterschiede in der geographischen Verteilung und die Ergebnisse von Migrationsstudien ergaben die ersten Hinweise auf mögliche Zusammenhänge zwischen Ernährungsfaktoren und dem Entstehen von kolorektalen Tumoren. Analytische, epidemiologische Studien (Fall-Kontroll Studien, prospektive Studien) haben diese Fragestellung untersucht und konnten verschiedene ernährungsspezifische Merkmale feststellen, die mit einer Zunahme bzw. einer Abnahme des Erkrankungsrisikos in Verbindung stehen. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

 

Ein erhöhtes Erkrankungsrisiko wurde im Zusammenhang mit der sogenannten „westlichen Ernährung“ nachgewiesen, eine Ernährungsform, die in den westlichen Industriestaaten vorherrscht. Diese Ernährung ist reich an Fleisch, tierischen Fetten, Cholesterin, Alkohol und Zucker. Einige Untersuchungen haben auch ein erhöhtes Risiko im Zusammenhang mit einer kalorienreichen Ernährung und mit Übergewicht festgestellt – Merkmale, die im Einklang mit dem „westlichen“ Ernährungstyp stehen.

Eine Risikovermeidung wurde im Zusammenhang mit einer Ernährung nachgewiesen, die reich an Gemüse, Obst (Vitamin A, C, D, E, Kalzium, Selen, Folsäure, Methionin, Balaststoffe) und Fisch ist. Sieht man von Japan ab, ist diese Ernährungsform typisch für Entwicklungsländer und Schwellenländer. Nicht alle analytischen Studien stimmen mit diesen Aussagen überein, ebenso sind die Vorstellungen über die kausalen Abläufe als nicht eindeutig gesichert, sondern als Hypothesen zu bezeichnen. Es muß jedoch betont werden, daß diese Hypothesen sehr gut im Einklang mit den deskriptiven Daten stehen. Für den Epidemiologen, für den volksgesundheitliche Umsetzungsmöglichkeiten (und nicht die Mechanismen) im Vordergrund stehen, reicht der Stand des Wissens für die Ableitung von Ernährungsempfehlungen aus. Es gilt: Reduktion der Kalorienaufnahme, Reduktion von Fleisch und tierischen Fetten, verstärkte Aufnahme von Ballaststoffen, Vitaminen und Spurenelementen (in Form von Obst und Gemüse), mäßiger Alkoholkonsum und Vermeidung von Übergewicht. Diese ausgewogene Ernährung kann möglicherweise das Risiko gegenüber einer Reihe von Krebserkrankungen positiv beeinflussen, sicher jedoch das Risiko gegenüber Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und von Stoffwechselerkrankungen reduzieren.

Zusammenfassung

Betrachtet man das Auftreten von Kolorektalkarzinomen in den Staaten der Europäischen Union im Jahr 1990, findet man die höchste altersstandardisierte Inzidenzrate bei der männlichen Bevölkerung Österreichs. Generell kann gesagt werden, daß die Erkrankungshäufigkeit in den nördlichen und westlichen Ländern der EU höher als in den südlichen Ländern ist. Epidemiologische Studien haben gezeigt, daß ein erhöhtes Erkrankungsrisiko mit der sogenannten „westlichen Ernährung“, die reich an tierischen Fetten, Cholesterin und Zucker ist, in Zusammenhang steht. Eine ausgewogene Ernährung, mäßiger Alkoholkonsum und Vermeidung von Übergewicht kann das Risiko gegenüber einer Reihe von Krebserkrankungen positiv beeinflussen.